KUSO 04

„Let him kiss me“: Vokalforum Graz begeisterte in St. Paul

 

Menschliche Stimmen gepaart mit den feinen Klängen eines Akkordeons: daraus wurde am vergangenen Sonntag in St. Paul ein unvergessliches Konzerterlebnis. Das Vocalforum Graz hatte unter der Leitung von Franz M. Herzog ein Projekt über die bedeutendste religiöse Liebeslyrik aus dem Alten Testament – das Hohelied Salomos – entwickelt und Kompositionen aus Renaissance und Frühbarock sowie aus dem 20. Jahrhundert jüdischen Synagogalgesängen zum selben Thema gegenübergestellt, genial verbunden durch Kompositionen oder Bearbeitungen für Akkordeon. Mit seinen gefühlvollen Interpretationen spannte Christian Bakanic die Fäden zwischen den jüdischen Gesängen und den Chorkompositionen. Als Nachkomme von 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden trug Aron Saltiel die Synagogalgesänge authentisch vor.  Die teils dreichörigen aber solistisch besetzten Werke aus dem 17. Jahrhundert zeigten, welche Meisterschaft die Chorpolyphonie zu dieser Zeit bereits erlangt hatte. Mit den alle konventionellen Ketten sprengenden Chorwerken des 20. Jahrhunderts füllte das Vocalforum Graz die Stiftskirche raumgreifend aus. Das Thema „Let him kiss me“, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und musikalisch großartig interpretiert, machte diesen Abend zu einem der eindrucksvollsten Erlebnisse des St. Pauler Kultursommers überhaupt. 

Robert Gritsch

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