KUSO 14

Großartiges Orchesterkonzert von AIMS

 

Was hier in der Stiftskirche St. Paul zu hören, zu sehen und zu fühlen war, lässt sich in vieler Hinsicht wohl kaum mehr überbieten. Die riesige Besetzung des Orchesters war für Gustav Mahler das Mittel, um seine überbordende Vorstellungswelt, sein Universum der Empfindungen in Töne zu gießen. Mahler war ein Liebender („Wie kann ich glücklich sein, solange eine Seele noch leidet“) und Getriebener („Der Teufel treibt es mit mir“ schreibt er in eine Partitur), der – als Workaholic – immer nur kurz zur Ruhe kommen kann. Er starb auch, wie konnte es anders sein, mit 51 Jahren 1911 an Herzversagen. Zusammen mit seiner persönlichen abgöttischen Liebe zu seiner Frau Alma, die nicht nur ihn liebte, ergab diese Mischung jene zerrissene Gefühlswelt, aus der großartigste Werke der Musikgeschichte entstanden sind. Zumindest das muss vorausgeschickt werden, will man in seine Musik auch verstehend eintauchen. 

Man konnte sich aber auch auf der Ebene der Superlative beeindrucken lassen: von den über 70 Musiker:innen des AIMS-Orchesters aus Dallas (Texas), die in größter Konzentration den herausfordernden musikalisch-technischen Ansprüchen einer glanzvollen Aufführung gerecht wurden. Vom satten Klang der 37 Streicher, der das langsame Adagietto erst zum Erlebnis macht, oder den perfekt agierenden Blechbläsern, die je nach Stimmung Schärfe oder Wärme in den Gesamtklang brachten. Oder vom Dirigenten Marius Stieghorst, der es beeindruckend verstand, die Tempi und die Dynamik an die akustischen Verhältnisse in der Stiftskirche anzupassen, sodass das Erlebnis der 5. Symphonie Mahlers über die Länge von 70 Minuten durch nichts getrübt wurde. Über diese Zeitspanne auch die emotionale Spannung – in ihren Wellen von Aufbau und Lösung, von Fortissimo bis Pianissimo und Stille – nie zu verlieren, war die überragende Leistung dieses Dirigenten, dem am Schluss Glück und Erschöpfung anzusehen waren. Aus seiner Laufbahn sei zumindest erwähnt, dass er 10 Jahre lang Kapellmeister der Opéra National de Paris und Gastdirigent an verschiedensten Opernhäusern war, bevor er 2019 die musikalische Leitung des Instituts für Musiktheater an der Hochschule für Musik in Freiburg übernahm. 

Die lange Konzentration hatte auch das Publikum gefordert und die Spannungserlösung entlud sich in ausgiebigen standing ovations.

Robert Gritsch

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